Na gut, vielleicht nicht ganz am Anfang. Aber nach meiner Geburt in den stürmischen Herbst von 1968 (politisch gesprochen), brauchte es nicht viele Jahre, bis die frühe Erkenntnis reifte, dass es für eine tragfähige Struktur die richtigen Elemente und ein bisschen konzeptionelles Denken im Vorfeld braucht. Dieses Bewusstsein entstand allerdings nicht etwa im Rahmen eines linkslineralen Früherziehungsmodells, sondern kam zu mir in Gestalt bunter Steckbauklötzchen eines dänischen Spielzeugherstellers.
Den nicht unerheblichen Investitionen meiner Eltern in den eigentlich eher klammen 70ern ging sicherlich die Hoffnung voraus, dass der Junge vielleicht einen ordentlichen Ingenieur abgeben könnte. Tatsächlich nahm der konstruktive Wahnsinn in dieser Dekade schnell seinen Lauf, da ich mich seinerzeit als körperlich verhältnismäßig klein geratener Mensch schnell zum Bau von Dingen berufen sah, die größer waren als ich. Das Highlight stellte zum Ende der Dekade eine Art Space-Eiffelturm dar, der zwar statisch erstklassig konzipiert, aber nach seiner Fertigstellung dem stürmischen Angriff meines kleinen Bruders doch nicht gewachsen war. Okay, es war vielleicht nicht die beste aller möglichen Ideen, das Bauwerk direkt in den üblichen Verkehrsweg eines Vierjährigen zu platzieren. Die Statik-Kenntnisse indes waren nicht angelesen, sondern durch Ausprobieren gewonnen worden. Diese Vorgehensweise trainierte übrigens gleichzeitig die Frustrationstoleranz.
Angestachelt durch den legolaktischen Konstruktivismus und die technischen Berufe beider Onkel in Bergbau und Raumfahrttechnik, reifte tatsächlich in den Achtzigerjahren der Wunsch, Weltraumlabore oder vielleicht mindestens Flugzeuge bauen zu wollen. Die Voraussetzungen waren tatsächlich zunächst exzellent, da ein Umzug auf den renovierten Dachboden unseres damaligen Hause mir eine Versuchsaufbaufläche von über 30 qm bescherte. Somit war es möglich, mehrere ausufernde LEGO-, Carrera- und Modellbauprojekte parallel zu betreiben, und trotzdem noch Freunde einzuladen. Riesige Poster von Planetenkonstellationen und allerlei Raumfahrzeugen spickten die Dachschrägen, und für die Freunde war eigentlich klar, wohin das konsequenterweise führen würde. Tat es aber nicht….
Leider war diese prägende Dekade mit ihren modischen Geschmacklosigkeiten auch die Restzeit des kalten Krieges. Eine berufliche Orientierung in Richtung Luft- und Raumfahrttechnik, und damit die Anstellung bei Unternehmen, die auch gleichzeitig Rüstungsunternehmen waren, erschien dem entschlossenen Wehrdienstverweigerer zu Mitte der Dekade strategisch eher unsinnig. Dass der Herr Gorbatschow nur wenige Jahre später Raum für andere Perspektiven schaffen würde, überstieg das Vorstellungsvermögen des leicht verunsicherten und gleichzeitig schwer enttäuschten Teenagers.
Die Alternative in Form eines linguistisch und sozialwissenschaftlich orientierten Studiums erweiterte allerdings zu Beginn der 90er den Horizont um eine völlig neue Dimension. Plötzlich wurde klar, dass es eigentlich immer um die Struktur geht. Und um den Weg, wie die Menschen dahin gelangen. Die vielfältigen analytischen Kompetenten des selbstgewählten Breitband-Studienwahnsinns verschafften zwar sowas wie eine globale Draufsicht auf die Systeme, in denen wir Menschen uns bewegen. Und gleichzeitig brach sich die Erkenntnis Bahn, dass ich damit alles und nichts anfangen können würde.
